73 Prozent fallen darauf herein: So manipulieren Riegel-Hersteller Ihre Kaufentscheidung im Supermarkt

Wer vor dem Supermarktregal steht und nach einem schnellen Energielieferanten für Sport, Büro oder unterwegs sucht, begegnet einer schillernden Vielfalt an verlockenden Namen. Energieriegel mit Bezeichnungen wie „Power“, „Performance“, „Natural Energy“ oder „Protein Boost“ versprechen genau das, was aktive Menschen suchen. Doch hinter diesen marketingträchtigen Etiketten verbirgt sich häufig eine Produktzusammensetzung, die mit den geweckten Erwartungen wenig gemein hat. Die Verkaufsbezeichnung dieser Riegel ist weitaus mehr als nur ein Name – sie ist ein sorgfältig konzipiertes Werkzeug, das innerhalb von Sekundenbruchteilen Assoziationen weckt und Kaufimpulse auslöst.

Die Macht der Worte: Wie Produktnamen unsere Kaufentscheidung steuern

Begriffe wie „Natur“, „Fit“, „Sport“ oder „Vital“ suggerieren Gesundheit, Leistungsfähigkeit und natürliche Inhaltsstoffe – selbst wenn die tatsächliche Rezeptur hauptsächlich aus Zucker, gehärteten Fetten und künstlichen Aromen besteht. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diesen Effekt eindrucksvoll. Eine Studie der International School of Management unter Leitung von Prof. Dr. Jens Kai Perret zeigt, dass 73 Prozent der Verbraucher bei Produkten mit expliziter Kennzeichnung bewusster über die Gesundheit eines Produkts nachdenken. Etwa 23,6 Prozent entscheiden sich aktiv für das vermeintlich gesündere Produkt basierend auf der Bezeichnung.

Das Tückische dabei: Während die rechtlich vorgeschriebene Verkehrsbezeichnung – etwa „Getreideriegel mit Schokoladenüberzug“ – meist unscheinbar irgendwo auf der Verpackung platziert ist, dominiert der fantasievolle Produktname die Vorderseite. Genau diese Hierarchie ist gewollt und führt dazu, dass Verbraucher ihre Kaufentscheidung auf Basis irreführender Versprechen treffen. Die Nährwerttabelle und Zutatenliste verstecken sich oft auf der Rückseite in Kleinstschrift, während die große Schrift vorne die Illusion von Fitness und Gesundheit vermittelt.

Wenn „Protein“ zum Spurenelement wird

Besonders problematisch wird es bei Riegeln, die mit Proteingehalt werben. Ein Produkt mit dem Zusatz „Protein“ im Namen erweckt die Erwartung einer eiweißreichen Zusammensetzung. Die Realität sieht oft anders aus: Manche dieser Riegel enthalten gerade einmal geringe Mengen Protein – ein Wert, der kaum über dem eines herkömmlichen Müsliriegels liegt. Zum Vergleich: Echte proteinorientierte Produkte sollten mindestens 20 Prozent ihres Gewichts aus Eiweiß beziehen.

Noch gravierender wird die Irreführung, wenn man die Gesamtzusammensetzung betrachtet. Ein Riegel mit „Protein“ im Namen kann durchaus einen erheblichen Zuckeranteil enthalten und damit mehr Kohlenhydrate als Eiweiß liefern. Für Sportler, die gezielt auf ihre Makronährstoffverteilung achten, ist dies nicht nur enttäuschend, sondern kontraproduktiv für ihre Ernährungsziele. Der Griff zum vermeintlichen Proteinriegel entpuppt sich dann als Zuckerbombe mit Eiweißdekoration.

Der Naturschwindel: Synthetik im Gewand der Ursprünglichkeit

„Natural“, „Natur pur“ oder „aus der Natur“ – solche Bezeichnungen sprechen eine wachsende Verbrauchergruppe an, die Wert auf unverarbeitete, ursprüngliche Lebensmittel legt. Doch das Vertrauen der Konsumenten in diese Bezeichnungen schwindet zunehmend. Eine Simon-Kucher Retail-Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 44 Prozent der Verbraucher Zweifel an der Authentizität von Labels bei Lebensmitteln haben. Besonders bei Lebensmitteln vermuten 41 Prozent der Konsumenten sogenanntes Greenwashing – also die irreführende Darstellung von Produkten als natürlicher oder nachhaltiger, als sie tatsächlich sind.

Ein Glukosesirup mag aus Mais gewonnen sein, ein Aroma kann „naturidentisch“ sein, ohne je mit der namensgebenden Frucht in Kontakt gekommen zu sein. Die romantische Vorstellung von Nüssen, Trockenfrüchten und Honig weicht der nüchternen Realität von Maltodextrin, Feuchthaltemitteln und Emulgatoren. Wer einen wahrhaft naturbelassenen Riegel sucht, muss genau hinschauen – und wird feststellen, dass die Zutatenliste oft im Widerspruch zum naturnahen Namen steht. Die Lebensmittelindustrie nutzt geschickt die rechtlichen Spielräume aus, um mit Natürlichkeit zu werben, während die Produktionsprozesse hochindustriell bleiben.

Energy ohne Energie: Die Mogelpackung bei Kalorienwerten

Paradoxerweise gibt es auch die umgekehrte Irreführung: Riegel, die „Light“, „Fit“ oder „Balance“ im Namen tragen, vermitteln den Eindruck eines kalorienreduzierten Produkts. Tatsächlich liefern viele dieser Riegel einen Energiewert, der dem einer Tafel Schokolade entspricht. Die Bezeichnung „Light“ bezieht sich dann möglicherweise lediglich auf einen etwas reduzierten Fettgehalt, während der Zuckeranteil kompensatorisch erhöht wurde.

Eine Asendia-Studie von 2023 zeigt, dass 62 Prozent der deutschen Verbraucher das Preis-Leistungs-Verhältnis als wichtigstes Kaufkriterium nennen. Dies deutet darauf hin, dass sich viele Konsumenten auf oberflächliche Bezeichnungen verlassen, ohne die tatsächlichen Nährwerte zu überprüfen. Für Verbraucher, die bewusst auf ihre Kalorienzufuhr achten oder abnehmen möchten, kann dies zu erheblichen Fehlkalkulationen führen. Ein scheinbar gesunder Snack entpuppt sich als kalorienreiche Mahlzeit, die das Tagesbudget deutlich belastet.

Sportriegel für Nichtsportler: Wenn Zielgruppen verschwimmen

Besonders raffiniert ist die Positionierung von Riegeln als „Sportnahrung“ oder „Fitness-Snack“, die dann aber im regulären Süßwarenregal neben Schokoriegeln platziert werden. Diese doppelte Strategie ermöglicht es, sowohl leistungsorientierte Sportler als auch gesundheitsbewusste Gelegenheitskonsumenten anzusprechen. Die Zusammensetzung dieser Produkte ist jedoch häufig für keine der beiden Zielgruppen optimal.

Für ernsthaften Sport fehlen oft die notwendigen Nährstoffe in der richtigen Kombination, für den gesundheitsbewussten Alltag ist der Zucker- und Fettgehalt zu hoch. Der Begriff „Sport“ wird zum reinen Marketinginstrument, das eine Produktkategorie aufwertet, ohne dass die Rezeptur dies rechtfertigt. Die Verpackung zeigt dynamische Sportler in Aktion, während der Inhalt eher für gemütliche Couchpausen geeignet ist.

Rechtliche Grauzonen: Was erlaubt ist und was nicht

Die europäische Health-Claims-Verordnung regelt zwar gesundheitsbezogene Angaben auf Lebensmitteln, doch fantasievolle Produktnamen fallen oft nicht darunter. Solange keine konkreten gesundheitlichen Versprechen gemacht werden, bewegen sich Hersteller in einem rechtlichen Graubereich. Ein Riegel darf „Energy Champion“ heißen, solange nicht explizit behauptet wird, er verleihe besondere körperliche Leistungsfähigkeit.

Die Notwendigkeit strengerer Regulierungen wird zunehmend erkannt. Die neue EU-Richtlinie zur Verifikation von „Green Claims“ zeigt, dass regulatorische Maßnahmen erforderlich waren und immer noch sind. Prof. Dr. Jens Kai Perret von der ISM betont zudem, dass Verbraucher oft nicht ausreichend über die tatsächlichen Nährwerte und Inhaltsstoffe informiert sind. Die Lücke zwischen Marketingfreiheit und Verbraucherschutz führt dazu, dass irreführende Bezeichnungen legal bleiben, obwohl sie faktisch die Kaufentscheidung auf Basis falscher Annahmen beeinflussen.

Der Blick auf die Zutatenliste: Ihr wichtigstes Werkzeug

Die wirksamste Strategie gegen irreführende Verkaufsbezeichnungen ist die konsequente Überprüfung der Zutatenliste und der Nährwerttabelle. Hier offenbart sich die tatsächliche Zusammensetzung eines Produkts. Steht Zucker – in welcher Form auch immer – an erster oder zweiter Stelle der Zutatenliste, handelt es sich primär um ein zuckerhaltiges Produkt, unabhängig davon, was der Name suggeriert.

Achten Sie besonders auf die vielen Gesichter des Zuckers: Glukosesirup, Fruktose, Maltodextrin, Dextrose, Invertzuckersirup und Dicksäfte sind allesamt Zuckerformen, die in der Summe einen erheblichen Anteil ausmachen können. Hersteller nutzen häufig mehrere verschiedene Zuckerarten, um zu verhindern, dass Zucker an erster Stelle der Zutatenliste erscheint – eine legale, aber irreführende Praxis. Diese Zutatensplittung verschleiert den wahren Zuckergehalt und macht den Riegel scheinbar ausgewogener, als er tatsächlich ist.

Praktische Orientierungshilfen für den Einkauf

Entwickeln Sie ein gesundes Misstrauen gegenüber allzu vielversprechenden Namen. Je spektakulärer die Bezeichnung, desto kritischer sollte Ihr Blick auf die tatsächlichen Inhaltsstoffe sein. Ein guter Energieriegel für sportliche Aktivitäten sollte ein ausgewogenes Verhältnis von Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten aufweisen, idealerweise aus vollwertigen Zutaten wie Nüssen, Trockenfrüchten, Haferflocken oder Samen.

Für den alltäglichen Snack zwischendurch gilt: Weniger ist mehr. Je kürzer die Zutatenliste, desto wahrscheinlicher handelt es sich um ein weniger verarbeitetes Produkt. Können Sie alle Zutaten beim Einkauf auch einzeln erwerben und kennen Sie sie aus Ihrer Küche? Das ist ein gutes Zeichen. Nutzen Sie auch Kennzeichnungssysteme wie den Nutri-Score kritisch, aber als zusätzliche Orientierungshilfe. Studien zeigen, dass solche Kennzeichnungen das Bewusstsein für die tatsächliche Produktqualität schärfen können.

Die Kaloriendichte ist ein weiterer wichtiger Indikator. Für einen Snack sollten moderate Kalorienwerte ausreichen. Produkte, die deutlich darüber liegen, sind eher als Mahlzeitenersatz zu betrachten – auch wenn die Verkaufsbezeichnung etwas anderes suggeriert. Ein Riegel mit 300 Kalorien oder mehr ist keine Kleinigkeit für zwischendurch, sondern entspricht einer vollwertigen kleinen Mahlzeit.

Ihre Aufmerksamkeit zählt

Irreführende Verkaufsbezeichnungen bei Energieriegeln sind kein Kavaliersdelikt, sondern ein systematisches Problem, das die informierte Kaufentscheidung erschwert. Die Datenlage ist eindeutig: Ein erheblicher Teil der Verbraucher lässt sich von Produktnamen und Labels beeinflussen, während gleichzeitig das Misstrauen gegenüber diesen Bezeichnungen wächst. Diese Diskrepanz zeigt, dass das Bewusstsein für die Problematik steigt, aber viele Konsumenten noch nicht wissen, wie sie sich effektiv schützen können.

Als Verbraucher haben Sie jedoch die Möglichkeit, sich zu schützen: durch kritisches Hinterfragen, genaues Lesen und das Bewusstsein, dass Marketing-Namen oft mehr versprechen, als das Produkt halten kann. Ihre Aufmerksamkeit ist die beste Waffe gegen irreführende Produktbezeichnungen. Mit jedem bewussten Blick auf die Zutatenliste stärken Sie nicht nur Ihre eigene Gesundheit, sondern senden auch ein Signal an die Industrie, dass transparente und ehrliche Produktkennzeichnung honoriert wird. Die Hersteller werden reagieren, wenn genügend Verbraucher die richtigen Fragen stellen und bewusste Entscheidungen treffen.

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