Millionen Riegel landen unnötig im Müll
Jedes Jahr landen in Deutschland 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, obwohl viele davon noch völlig genießbar wären. Allein private Haushalte sind für 6,3 Millionen Tonnen dieser Verschwendung verantwortlich. Der Grund: Verbraucher verwechseln häufig das Mindesthaltbarkeitsdatum mit einem Ablaufdatum und entsorgen Produkte vorschnell. Pro Person werden durchschnittlich 75 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weggeworfen – ein Wert von rund 235 bis 370 Euro. Diese Unsicherheit kostet nicht nur Geld, sondern trägt auch erheblich zur Lebensmittelverschwendung bei. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum entscheidend, um fundierte Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig die eigene Gesundheit nicht zu gefährden.
Was bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum wirklich?
Das Mindesthaltbarkeitsdatum, oft als MHD abgekürzt, wird häufig missverstanden. Es handelt sich dabei nicht um ein Verfallsdatum, nach dem ein Riegel automatisch ungenießbar wird. Vielmehr garantiert der Hersteller bis zu diesem Datum, dass das ungeöffnete Produkt bei sachgerechter Lagerung seine spezifischen Eigenschaften behält – also Geschmack, Konsistenz, Nährwert und Geruch. Nach Ablauf dieses Datums ist der Riegel keineswegs verdorben oder gesundheitsgefährdend.
Die Formulierung auf der Verpackung variiert je nach Haltbarkeitsdauer. Bei Produkten mit einer Haltbarkeit von weniger als drei Monaten muss „mindestens haltbar bis“ mit Tag und Monat angegeben werden. Bei einer Haltbarkeit zwischen drei und 18 Monaten wird „mindestens haltbar bis Ende“ mit Monat und Jahr verwendet. Bei mehr als 18 Monaten Haltbarkeit reicht die Jahresangabe. Diese Formulierung signalisiert bereits sprachlich, dass es sich um eine Mindestgarantie handelt, nicht um ein hartes Limit. In der Praxis bleiben Riegel oft Wochen oder sogar Monate über das MHD hinaus verzehrfähig, sofern die Verpackung unbeschädigt ist und das Produkt korrekt gelagert wurde.
Das Verbrauchsdatum: Wenn es wirklich ernst wird
Anders verhält es sich beim Verbrauchsdatum, das mit „zu verbrauchen bis“ gekennzeichnet wird. Dieses findet sich bei sehr leicht verderblichen Lebensmitteln wie Hackfleisch, frischem Fisch, vorgeschnittenen Salaten oder vorzerkleinerten Früchten. Diese Produkte sind aus mikrobiologischen Gründen schnell verderblich. Bei Riegeln wird man ein solches Verbrauchsdatum jedoch praktisch nie finden, da sie aufgrund ihrer Zusammensetzung und Verarbeitung deutlich länger haltbar sind.
Der wesentliche Unterschied: Während das Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums lediglich bedeutet, dass bestimmte Qualitätsmerkmale nachlassen könnten, stellt der Verzehr nach Ablauf des Verbrauchsdatums ein echtes Gesundheitsrisiko dar. Das MHD ist ein Qualitätsmerkmal, das Verbrauchsdatum hingegen betrifft die Lebensmittelsicherheit. Nach Ablauf des Verbrauchsdatums kann eine unmittelbare Gesundheitsgefahr durch Keime entstehen. Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum dürfen nicht mehr verkauft werden und sollten entsorgt werden. Diese Unterscheidung zu kennen, ist für Verbraucher fundamental wichtig.
Warum Riegel besonders lange haltbar sind
Die meisten Riegel zeichnen sich durch ihre Zusammensetzung aus, die eine lange Haltbarkeit begünstigt. Der oft niedrige Wassergehalt, der hohe Zucker- oder Fettanteil sowie die verarbeiteten Nüsse, Getreide oder Trockenfrüchte schaffen ein Umfeld, in dem sich Mikroorganismen nur schwer vermehren können. Hinzu kommt die luftdichte Verpackung, die das Produkt zusätzlich schützt.
Diese Faktoren erklären, warum ein Riegel selbst Monate nach dem aufgedruckten MHD noch verzehrfähig sein kann. Die eigentlichen Veränderungen, die nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum auftreten können, betreffen eher sensorische Aspekte als die Lebensmittelsicherheit. Nach Überschreiten des Datums können bei Riegeln folgende Veränderungen auftreten: Texturveränderungen machen den Riegel härter oder trockener, manchmal auch weicher, je nach Zusammensetzung. Aromen können verblassen oder sich leicht verändern, ohne dass das Produkt gesundheitlich bedenklich wird. Bei schokoladenhaltigen Riegeln kann ein weißlicher Belag entstehen, der sogenannte Fettreif, der jedoch völlig harmlos ist. Bestimmte Vitamine können mit der Zeit abgebaut werden, was die Nährwertqualität mindert.
Die ökonomischen und ökologischen Folgen vorschneller Entsorgung
Die Verschwendung noch genießbarer Lebensmittel hat weitreichende Konsequenzen. Aus finanzieller Sicht summieren sich die weggeworfenen Produkte zu beachtlichen Beträgen: Jeder Haushalt wirft pro Jahr Lebensmittel im Wert von 235 bis 370 Euro weg. Hochgerechnet auf Deutschland ergibt das einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehreren Milliarden Euro.

Noch gravierender sind die ökologischen Auswirkungen. Für die Herstellung jedes Produkts wurden Ressourcen verbraucht: landwirtschaftliche Flächen für den Anbau der Zutaten, Wasser, Energie für die Verarbeitung und den Transport sowie Material für die Verpackung. Jährlich werden 2,6 Millionen Hektar Ackerland umsonst bewirtschaftet – eine Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland zusammen. Die Produktion erfordert enorme Wassermengen, für ein Kilogramm Rindfleisch etwa 15.000 Liter. Wenn ein Produkt vorzeitig entsorgt wird, waren all diese Ressourcen umsonst verbraucht. Der ökologische Fußabdruck wird noch größer, wenn man die Emissionen der Müllentsorgung hinzurechnet. Allein durch vermeidbare Lebensmittelabfälle entstehen 48 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen.
Praktische Prüfmethoden für Verbraucher
Statt sich blind auf das aufgedruckte Datum zu verlassen, sollten Verbraucher ihre Sinne einsetzen. Diese Prüfung ist einfach und zuverlässig. Zunächst sollte die Verpackung auf Beschädigungen untersucht werden. Risse, Löcher oder aufgeblähte Verpackungen sind Warnsignale. Ist die Verpackung intakt, folgt die optische Prüfung des Riegels selbst. Schimmel, ungewöhnliche Verfärbungen oder Fremdkörper sind klare Ausschlusskriterien.
Der Geruchssinn ist ein verlässlicher Indikator. Ein ranziger, muffiger oder anderweitig unangenehmer Geruch deutet darauf hin, dass Fette oxidiert sind oder sich unerwünschte Mikroorganismen entwickelt haben. Riecht das Produkt hingegen normal, spricht dies für die weitere Genießbarkeit. Fallen Sicht- und Geruchstest positiv aus, kann eine kleine Geschmacksprobe erfolgen. Schmeckt der Riegel normal, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit unbedenklich. Ein bitterer, ranziger oder anderweitig abweichender Geschmack sollte zum Entsorgen führen.
Richtige Lagerung verlängert die Haltbarkeit
Wie lange ein Riegel über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus noch gut bleibt, hängt maßgeblich von der Lagerung ab. Kühle, trockene und dunkle Orte sind ideal. Direkte Sonneneinstrahlung, hohe Temperaturen und Feuchtigkeit beschleunigen den Verderb. Die Originalverpackung sollte möglichst bis zum Verzehr geschlossen bleiben. Einmal geöffnete Riegel sollten in luftdichten Behältern aufbewahrt werden, um sie vor Feuchtigkeit und Schädlingen zu schützen. In der Küchenschublade oder der Vorratskammer sind Riegel besser aufgehoben als neben dem Herd oder auf der Fensterbank.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Herstellerverantwortung
Hersteller sind gesetzlich verpflichtet, ein realistisches Mindesthaltbarkeitsdatum anzugeben, das auf Haltbarkeitstests basiert. Dabei gehen viele Produzenten eher konservativ vor, um auf der sicheren Seite zu sein. Das bedeutet in der Praxis, dass der tatsächliche Zeitpunkt, ab dem Qualitätseinbußen auftreten, oft deutlich nach dem angegebenen MHD liegt.
Supermärkte dürfen Produkte auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch verkaufen, solange sie nicht verdorben sind. Gängige Praxis in vielen Geschäften ist es, dass Lebensmittel kurz vor Ablauf des MHD gesondert zu einem geminderten Preis angeboten werden. Zunehmend finden sich spezielle Regale mit reduzierten Waren – eine sinnvolle Maßnahme gegen Lebensmittelverschwendung.
Nationale Strategie gegen Lebensmittelverschwendung
Die Bundesregierung hat 2019 die Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung beschlossen. Das Ziel ist ambitioniert: Bis 2030 sollen die Lebensmittelabfälle auf Handels- und Verbraucherebene halbiert werden. Dies entspricht dem Sustainable Development Goal 12.3 der Vereinten Nationen. In der Außer-Haus-Verpflegung konnten durch einfache Maßnahmen bereits 25 Prozent der Lebensmittelabfälle eingespart werden. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat koordiniert branchenspezifische Dialogforen zur Umsetzung der Strategie.
Der bewusste Umgang als Verbraucherkompetenz
Die Fähigkeit, zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum zu unterscheiden und die eigenen Sinne zur Beurteilung einzusetzen, ist eine wichtige Verbraucherkompetenz. Sie ermöglicht es, Geld zu sparen, Ressourcen zu schonen und dennoch keine gesundheitlichen Risiken einzugehen. Bei Riegeln besteht aufgrund ihrer Beschaffenheit grundsätzlich ein großer Spielraum. Die Angst vor dem Verzehr nach Überschreiten des MHD ist in den allermeisten Fällen unbegründet. Eine kritische, aber nicht ängstliche Haltung ist der richtige Weg. Wer seine Sinne schult und die Unterschiede zwischen den Datumsangaben versteht, trifft bessere Entscheidungen und leistet einen wichtigen Beitrag gegen die unnötige Verschwendung von Lebensmitteln. Mit diesem Wissen können Millionen Tonnen wertvoller Lebensmittel vor der Mülltonne bewahrt werden.
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